12 Jan 2011

Dieser persönliche Stifter erschien, und die Dunkelheit seines kurzen Lebens und frühen Sterbens, welches so leise vorüberging, dass die sonst alles aufspürenden griechischen und römischen Schriftsteller seiner Zeit kein Wort davon erfuhren, - erleichterte das Bestreben der nach einer neuen Religion Dürstenden, aus ihm Das zu machen, was sie zum Siege ihrer Ideen nötig hatten, d.h. etwas ganz anderes, als was er war. Aus einem bescheidenen jüdischen Zimmermannssohn und Rabbi, welcher freilich über die Engherzigkeit seines Volkes hinausging und dessen Glauben, mit Beseitigung der lästigen Werktätigkeit, zum Gemeingute der Menschheit erheben wollte, wofür er den Tod des Aufrührers gegen das Hohenpriester und Levitentum am Kreuze erlitt, machte man die Verwirklichung des Messias, den Sohn Gottes von einer Jungfrau, einen Wundertäter, einen sich absichtlich für die „Erlösung“ der, Menschen Opfernden, einen Auferstehenden und in den Himmel Fahrenden, oder mit einem Wort aus einem Menschen einen Gott! Auf den jüdischen Zweig pfropfte man lauter unjüdische, griechische mystische Reiser, bis der Zweig nicht mehr zu erkennen war.

[restrict]Wir besitzen also in dem uns überlieferten Leben des Stiftes der christlichen Kirche zweierlei Elemente, die Wahrheit und die Dichtung. Wahrheit ist alles, was sich mit den Naturgesetzen, der historischen Forschung und psychologischen Tatsachen vereinbaren lässt, Dichtung, was diesem widerspricht, und zwar um so mehr, als in allen diesen der Wahrheit widersprechenden Dingen deutlich genug eine Tendenz nachgewiesen werden kann, unsern Religionsstifter zu etwas Höherem als einem Menschen zu erheben.

Jesus selbst hat sich nie für mehr als einen Menschen gehalten. Der ganze Kreis seiner Anschauungen, soweit solche nicht durch die erwähnte Tendenz entstellt sind, bewegt sich in seinem Vaterlande, in dessen Natur, in dem Leben seiner Bewohner, in seinen politischen Einrichtungen und sozialen Verhältnissen, in dem Glaubensgebiete der Juden. All dies erwähnte er stets mit Vorliebe in dem Gewande von Gleichnissen, um durch solche seine Rede in echt populärer, einschneidender und wirksamer Weise zu verdeutlichen und auszumalen, und umhüllte so die erhabenen Lehren der Tugend, welche er predigte, mit einem duftigen, farbenreichen Kleide von allgemein verständlichen, jedes Herz ergreifend und gefangen haltenden Bildern. Lehren der Tugend waren in der Tat die einzigen, welche Jesus verkündete; er hat keinen Glaubenssatz aufgestellt, denn derjenige vom einigen Gotte, der einzige dessen in seinen Reden Erwähnung geschieht, bestand schon im Judentum. Jesus fügte den vielen Namen Gottes nur den alle überflüssig machenden des „Vaters“ hinzu, d.h. nicht nur seines eigenen, sondern desjenigen aller Menschen, die seine Kinder werden, d.h. sich veredeln und vervollkommnen sollten, und er war daher kein dogmatischer, sondern ein moralischer Reformator, welche Stellung er gemein hatte mit den Essenern und mit dem Täufer Johannes, nur in etwas verschiedener Form. Die Essener beschränkten die dringende Reform damalig Moral auf ihre Gesellschaft, indem sie sich von der übrigen Welt zurückzogen und sich nicht bemühten, ihre Grundsätze weiter zu verbreiten. Johannes, welcher mit der von ihm eingeführten Wassertaufe an die Reinigungen der Pythagoreer und Essener und mit seinem Einsiedlerleben in der Wüste und seinem Fasten an die Lebensweise der letzteren, in seinem äußerlichen Auftreten aber an den Propheten Elias erinnert, konnte nur durch die tendenziöse Erhebung Jesus zu etwas Höheren in die Stellung eines „Vorläufers“ herabgedrückt werden. Die ältesten, unbefangenen Berichte wissen von dieser Stellung nichts, geben bei ruhiger Prüfung in Demjenigen, auf dessen Kommen er hinwies, nur Jahve selbst zu erkennen, ja lassen es überhaupt zweifelhaft, ob er Denjenigen, der sich unter einer Masse anderer von ihm taufen ließ, überhaupt persönlich gekannt haben. So entstand denn auch wirklich eine eigene Schule des Johannes, welche von Jesus nichts wusste und im Morgenlande noch heute besteht. Während aber dieser Prophet in seiner Verachtung der Außenwelt noch auf dem essenischen Boden stehen blieb, verließ Jesus diesen ausdrücklich, indem er sich überall mitten in das Leben hinein begab, dessen Freuden bei Mahlzeiten und Hochzeiten mitmachten, die Armen und Unglücklichen aufsuchte und nicht nur für ihr geistiges, sondern auch für ihr leibliches Wohl mit Eifer besorgt war.

Wenn nun aber Jesus selbst alle seine Tugendlehren in Gleichnisse und Bilder einkleidete, so folgten diesem seinem Beispiele die Beschreiber seines Lebens um so eher, als sie hierin ein vorzügliches Mittel fanden, ihn den gefeierten und angebeteten Meister, über die Menschheit zu erheben. Sie folgten ihm darin, dass sie ein ganzes, Gott und der Tugend allein gewidmetes Leben ebenfalls in Gleichnisse und Bilder einkleideten. Wie Jesu Lehre aus Parabeln, so auch sein uns überliefertes Leben. Die orientalische Phantasie hat sich in allen ihren Werken, in den Werken der Brahmanen und Buddhisten, wie der Zoroastrier, im alten und neuen Testamente, wie im Koran und in Tausend und eine Nacht, niemals zu zügeln versucht und niemals Bedenken getragen, Dichtung und Wahrheit bunt untereinander zu werfen und die Dichtung mit derselben Unbefangenheit und Naivität vorzutragen, wie die Wahrheit.

Die sogen. Wunder, wie man insgemein alles nennt, was dem regelmäßigen Verlaufe der Dinge und den bekannten Naturgesetzen widerspricht, sind nicht wirklich vorgefallene Begebenheiten, auch abgesehen davon, dass Jesus ausdrücklich erklärt hat, keine Wunder tun zu wollen (Matth. 16,4). Denn so, wie sie in der Bibel erzählt werden, setzen sie eine ganz zwecklose Aufhebung der Naturgesetze voraus und zwar deshalb eine zwecklose, weil die Wahrheiten, welche Jesus verkündete, durch keine Wundertaten wahrer werden konnten, und weil, wenn eine Aufhebung der Natur stattfinden könnten, das Dasein von Naturgesetzen überhaupt überflüssig wäre. So aber, wie die Rationalisten des vorigen Jahrhunderts die Wunder sich auslegten, als wirklich vorgefallene, aber natürlich abgelaufene Begebenheiten, werden dieselben zu ganz unnützen und Jesu unwürdigen Taschenspielerstücken. Die Wunder können daher vernünftiger Weise nur als von den Evangelisten verfasste Gleichnisse aufgefasst werden, freilich nicht als Gleichnisse, die denen Jesu selbst an die Seite zu stellen wären, sondern als rohere, unbehilflichere und noch dazu tendenziöse Nachahmungen. Wir teilen die Wunder ein in solche der Geburt, des Lebens und des Todes Jesu.

Die Geburt Jesu ist nach tendenziöser Erzählung selbst ein Wunder. Der eheliche Sohn des Zimmermanns Joseph aus Nazareth und der Maria, der er nach den ältesten Berichten und der Genealogie des Matthäus und Lukas war, musste, wenn seine Lehre als eine solche göttlichen Ursprungs erscheinen sollte, selbst zum Gottessohne und sogar zum Gotte gemacht werden. Der Vorbilder hierzu fand man im Heidentum genug. Von dem durch eine Frau wiedergeborenen Sonnengotte Budda wussten allerdings die ersten Christen nichts, desto mehr aber von der griechischen und römischen Mythe. Apollon, selbst Gott, wandelte in Knechtesgestalt als Hirt auf der Erde. Herakles, der Sohn des Zeus, Romulus, der Sohn des Mars und einer Jungfrau, waren Staaten und Städtegründer und Völkerstammväter, warum sollte der Stammvater einer Religion und Kirche nicht auch der Sohn Gottes und einer Jungfrau sein, warum Gott selbst nicht in Menschengestalt auf der Erde wandeln können? Das Gemachte in diesen Tage springt in die Augen, und es sind nur Ausschmückungen derselben, wenn ein Engel die Geburt des Gottessohnes der jungfräulichen Mutter, ein anderer mit himmlischen Heerscharen sie den Hirten verkündet, wenn ein Stern die „Weisen aus dem Morgenlande“ zum Minderkinde leitet und diesem die Hirten, die Weisen und Simeon und Anna huldigen, und wenn der König des Landes dem vorherbestimmten Messias nach dem Leben stellt und um ihn zu treffen, den (ganz ungeschichtlichen) Kindermord anordnet.

Die Wunder des Lebens Jesu sind entweder allgemeine Aufhebungen der Naturgesetze oder Heilung von Kranken und Erweckungen von Toten, oder Erscheinungen. Alle diese Arten von Wundertaten sind Zweckdichtungen. Wir haben schon bei den griechischen Mysterien gesehen, wie der Wein und das Blut den Göttern geweihte Lebensmittel, wie die Weihungen in Eleufis den Gebern des Weines und Brotes (Bakchos und Demeter) galten. Auch Jesus musste daher durch die Verwandlung von Wasser in Wein und durch die rätselhafte Vermehrung des Brotes bei der Speisung von Tausenden zum Herrn und Geber der beiden heiligen Lebensmittel gemacht werden, welche später bei der Einsetzung des Abendmahles zum Gegenstand christlicher Mysterien wurden. Das Wandeln auf dem See, die Stillung des Sturmes, die Verfluchung des Feigenbaums, der Pfennig im Fischmaule und der Fischzug des Petrus sind Bilder von des Gottessohnes Macht über das Wasser, die Luft, die Pflanzen und Tierwelt. Ebenso soll die Heilung der Gichtbrüchigen, Aussätzigen, Blinden und Stummen seine Gewalt über die leiblichen Krankheiten, die Heilung der Besessenen seine Macht über die Seelenstörungen und die Erweckung der Toten seine Herrschaft sogar über den Tod versinnbildlichen. Ein Arzt überhaupt musste Jesus sein als wahrer „Heiland“. Zu den Erscheinungen endlich rechnen wir diejenige des heiligen Geistes als Taube bei der Taufe Jesu, diejenige des Satans bei der Versuchung und diejenige des Moses und Elias bei der Verklärung. All dies sind lediglich allegorische Bilder. Der heilige Geist ist eine Idee, die nur künstlich von Gott getrennt und zu einer besonderen Person gemacht wurde, und die Taube das Sinnbild der Reinheit und Sanftmut. Der Teufel ist das als Person gedachte Böse und das Fehlschlagen seiner Versuchung der Sieg des Guten. Die Verklärung aber ist nur eine Versinnbildlichung der höhern Vollkommenheit des neuen Bundes gegenüber dem alten, der jenem huldigen muss.

Die Wunder bei Jesu Tod: die Verfinsterung der Sonne, das Zerreißen des Vorhanges im Tempel und die Auferstehung der Toten sind solche, die bei dem Tode eines Gottes nicht ausbleiben durften und die Trauer der Natur und Religion bedeuten. Diejenigen nach seinem Tode aber, die Auferstehung und die Himmelfahrt mit dem zwischen beide fallenden geisterhaften Umherwandeln des Gekreuzigten, haben den einfachen und klaren Zweck, den Glaubenssatz der persönlichen Fortdauer und der leiblichen und geistigen Auferstehung, über welchen die Liebe der Menschen zu ihrer eigenen Person und der Wunsch nach deren Unzerstörbarkeit absolute Gewissheit verlangte, an Jesu Beispiel, der durchaus nicht wie ein Mensch gestorben und begraben sein durfte, - als unbedingt wahr nachzuweisen und über alle Zweifel zu erhaben. Die Auferstehung Jesu ist daher ein Erwachen vom Scheintode (wie wäre er dann wirklich gestorben?), noch das Werk seiner Mission der Jünger, noch eine Geistererscheinung, sondern eine zur Verbreitung des Glaubenssatzes von der Auferstehung des Fleisches verfasste Dichtung, und die Himmelfahrt, in Nachahmung derjenigen des Henoch und Elias, die notwendige Folge der Auferstehung.

Weit wichtiger und bedeutsamer als die Wunder, die von Jesus berichtet werden, sind seine Lehren, namentlich die wunderherrliche Bergrede und seine treffenden und zugleich reizenden Parabeln. Bieten seine Äußerungen auch durchaus nichts wesentlich neues dar, indem dieselben Gedanken bei Religionsstiftern und Weisen anderer Zeiten und Völker vielfach vorkommen, so wohnt ihnen durch ein eigener ergreifender Zug inne, der durch Anspruchslosigkeit gewinnt und durch Schlichtheit überwältigt. Es ist nicht die Einheit Gottes und die Liebe zum Nächsten, was der Lehre Jesu Ausbreitung schuf, - das hatten die Juden schon vorher, - nicht der Kampf gegen die Sinnlichkeit, den auch die griechischen Philosophen lehren, auch nicht die behauptete Gottheit Jesu mit den ihm zugeschriebenen Wundern, was Beide die damaligen Menschen aller Völker bereits in vielfachen Auflagen erlebt hatten; sondern es ist die Kraft, die Bilderpracht, die zum Herzen sprechende und dasselbe im Sturm erobernde rührende Einfachheit seiner Sprache. In dieser war er selbstständig und eigentümlich, siegreich und unwiderstehlich. Seine Lehre, und namentlich die Bergrede, ist die schlagendste Verurteilung und donnerndste Vernichtung aller Derjenigen, welche sich seit über achtzehnhundert Jahren nicht nur Christen nennen, sondern auch für die einzig wahren Christen ausgeben und trotzdem, – mit bewusster Verachtung der Worte ihres angeblichen Meisters, nicht nur schwören, Aug` um Auge nehmen, ihre Feinde blutig hassen, ihre Almosen ausposaunen, an den Straßenecken laut beten, mit Ostentation fasten, sich Schätze sammeln, welche die Motten und der Rost fressen, zwei oder mehreren Herren dienen, über dem Splitter den Balken vergessen, das Heilige den Hunden vorwerfen, den um Brot Bittenden Steine geben, den Leuten nicht tun, was sie für selbst wünschen u.s.w., - sondern sogar Gesetze erlassen, welche dies auch anderen vorschreiben. Diese würde Er, den sie heuchlerisch ihren Meister nennen und doch niemals verstanden haben, niederschmettern mit den edlen Worten: Ich habe euch nie anerkannt; weicht alle von mir, ihr Übeltäter (Matth. 7, 23)! Auch ihr Haus das auf Sand gebaut, wird einst einen tiefen Fall tun. Solche Sprache war allerdings vorher nie gehört worden; darum erstaunte auch das Volk; „denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten und Pharisäer.“

Quelle: Das Buch der Mysterien -  Geschichten und geheime Lehren, Gebräuche und Gesellschaften aller Zeiten und Völker / Leipzig 1890

Recherchiert und zusammengefasst von Sharon

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